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Nemos Garten – wenn Meer zu «mehr» wird

1. Mai 2017

Nemos Garten – wenn Meer zu «mehr» wird

In den letzten Jahren hat sich das Meer für die Food-Branche als unschätzbare Ressource herausgestellt, hat sich gar zu einem richtiggehenden Trend entwickelt: Nicht nur gilt Fisch heute als wichtiger Bestandteil einer ausgewogenen Ernährung, in Basel «wachsen» die Fische jetzt sogar auf Dächern und in Italien wird Gemüse unter Wasser angebaut.

Früher war Fisch für viele nur ein Lückenbüsser für entbehrungsreiche Tage, galt gar als «Arme-Leute-Essen». Diese Zeiten sind definitiv vorbei: Fisch und Meeresfrüchte zu essen ist Trend und wie sich mittlerweile herumgesprochen hat, sehr gesund!

Fische enthalten viele wichtige Nährstoffe, die der Körper relativ einfach aufnehmen kann und das in ihnen enthaltene Eiweiss ist gut verdaulich. Aber auch die Vitamine, Mineralstoffe und Spurenelemente können vom Körper schnell verarbeitet werden. Meeresfisch und Meeresfrüchte sind lecker, meistens kalorienarm und enthalten zudem reichlich gesunde Fettsäuren.

Der Trend ist aber nicht ganz unbedenklich: Kein anderer Lebensmittelsektor legte in den vergangenen Jahrzehnten so kräftig zu wie der Fisch-und Seafoodbereich. So ist zum Beispiel Sushi und Lachs bei uns beliebt wie nie zuvor. Satte 8,8 Kilogramm Fisch und Meeresfrüchte werden in der Schweiz pro Kopf und Jahr durchschnittlich konsumiert. Dieser heute selbstverständliche Konsum von Fisch als Massenware hat jedoch zu einer weltweiten Kollabierung der Wildbestände geführt. Zwar können einige Sorten guten Gewissens gegessen werden, weil die Bestände tatsächlich stabil und die Fangmethoden unproblematisch sind (dazu gehören laut WWF Austern, Jakobsmuscheln, Bio-Crevetten, Mittelmeer- Miesmuscheln, Kalmar-Tintenfische und grundsätzlich alle Meeresfrüchte mit MSC-Siegel). Aber es gibt eben auch eine – weitaus längere – Liste von Fischen und Meeresfrüchten von denen man besser die Finger lassen sollte. Gerade deswegen ist die Förderung einer nachhaltigen Bewirtschaftung der Fischbestände von grosser Wichtigkeit, damit auch zukünftig die Versorgung mit Fisch und Meeresfrüchten gesichert werden kann. Um langfristig erfolgreich zu sein, muss sich nachhaltige Fischereipolitik europaweit und international durchsetzen. Zudem machen sich immer mehr Menschen und Unternehmen Gedanken über weitgereiste Produkte. Frische und regionale Lebensmittel sind bessere Lebensmittel – aus vielerlei Gründen. Schmeckt ein frischer Fisch nicht leckerer als die Containerware aus Übersee, die um den halben Erdball transportiert wurde und unter Umständen unter fragwürdigen Bedingungen gefischt wurde? Aber wie soll das gerade bei Fisch und Seafood funktionieren – in einem Binnenland wie der Schweiz? Visionäre Ideen und Projekte sind gefragt, damit das Meer nachhaltig und für zukünftige Generationen «mehr» zu bieten hat.

Einen ganz besonderen Weg mit einem revolutionären Konzept geht das Projekt «Urban Farmers». Seit fünf Jahren betreiben die Urban Farmers des Schweizer Startup-Unternehmens die weltweit erste Aquaponic-Rooftop-Farm als Pilotanlage auf einem Flachdach in Basel. Auf einer Fläche von 250 m2 werden dort jährlich etwa 5 Tonnen Gemüse und 850 Kilogramm Fisch produziert. Und es geht noch grösser: Seit 2016 gibt es eine zehnmal grössere Dachfarm im obersten Stock und auf dem Dach der alten Philips-Fabrik in der niederländischen Stadt Den Haag. Die grösste Dachfarm Europas produziert seit letztem Mai in erster Linie für die lokale Gastronomie 55 Tonnen Gemüse und 20 Tonnen Fisch – hauptsächlich die Speisefischart Tilapia, denn dieser Fisch eignet sich besonders gut für diese Art von Zucht.

Das Aquaponic-Farming-System ist eine Mischung aus Aquakultur (Fischproduktion) und hydroponischem Gemüseanbau (Pflanzenproduktion in Nährlösungen ohne Boden). In einem Gewächshaus wird mithilfe eines geschlossenen Wasser- und Nährstoffkreislaufes gleichzeitig Fisch und Gemüse produziert. Die Anzucht der Pflanzen findet ohne Erde in Wasser statt, auch «Hors sol»-Anzucht genannt. Dabei wird die Tatsache zunutze gemacht, dass Fische und Pflanzen ähnliche ökologische Voraussetzungen für ihr Wachstum benötigen. Das hat viele Vorteile: Die Pflanzen brauchen bei dieser Anbaumethode lediglich 10 bis 20 Prozent des sonst benötigten Wassers, welches gleichzeitig als Düngemittel dient: Das Wasser der Fischtanks wird zu den Pflanzen geleitet, die dadurch mit rein natürlichen Nährstoffen versorgt werden. So ist keinerlei Kunstdünger nötig, Pestizide und Fungizide gehören der Vergangenheit an, der geschlossene Kreislauf erzeugt fast keine Schadstoffe und die Fische benötigen keinerlei Antibiotika im natürlich gefilterten Wasser. Im Treibhaus gedeihen Kräuter, Salat und Gemüse und nebenan wächst gleich der dazu passende Fisch heran.

Während in Basel das Meer also ins Gewächshaus auf dem Dach verlagert wird, wachsen die Erdbeeren an der italienischen Küste vor Noli unter Wasser: Die Lufttemperatur in den Treibhäusern steht bei konstanten 26 Grad Celsius und schwankt nur wenig, die Luftfeuchtigkeit ist bei rund 83 Prozent – ideale Bedingungen für die meisten Pflanzen. Aber es sind eben keine gewöhnlichen Treibhäuser: die Gewächshäuser der Ocean Reef Group mit dem klingenden Namen «Nemo’s Garden» sind in bis zu zehn Metern Tiefe auf dem Meeresboden verankert!

Die durchsichtigen, nach unten geöffneten und mit Luft gefüllten ballonähnlichen Biosphären, nutzen die natürlichen Eigenschaften des Meeres, um Pflanzen gedeihen zu lassen. Durch die Sonneneinstrahlung verdunstet das Salzwasser im unteren Teil der Ballons, kondensiert am oberen Rand und regnet dann als Süsswasser auf die Pflanzen herab. Zusätzlich wirken die hohen Mengen an Kohlendioxid im Ballon für die Pflanzen wie Steroide und sorgen für eine sehr hohe Wachstumsrate. Praktisch ist zudem der Schutz vor meteorologischen Ereignissen wie Sturm oder starkem Regen sowie vor Schädlingen.

Seit vier Jahren experimentiert die Ocean Reef Group nun mit den unterseeischen Gewächshäusern. Die Gruppe überwacht momentan rund zehn dieser Ballon-Biosphären, die eine Reihe von Pflanzen wie Basilikum, Salat, Erdbeeren und Bohnen beherbergen. Das Unternehmen hat seit vier Jahren jedes Jahr eine ordentliche Menge ernten können. Nun sind weitere Unterwassergewächshäuser geplant, um mit anderen Kulturen, wie beispielsweise Pilzen, die in der feuchten Umgebung gut gedeihen sollten, zu experimentieren.

«Nemo’s Garden» könnte nach den Vorstellungen des Unternehmens ein Beispiel für die Nahrungsmittelproduktion der Zukunft sein: Die unterseeischen Gewächshäuser benötigen – anders als die an Land – kaum externe Energiezufuhr. Ausserdem könnten sie Landwirtschaft in Küstenregionen ermöglichen, wo es an Land oft keine geeigneten Anbauflächen gibt. Der bisherige Erfolg des Unternehmens legt den Grundstein für eine neue Form einer Pflanzenproduktion, die ohne Schädigung der Umwelt erfolgen kann.

Das Meer erfindet sich gerade neu: Mag sein, dass Fisch zukünftig anstatt vom Meer von den Hochhausdächern der Stadt geliefert wird und das Gemüse nicht mehr vom Feld in die Läden gelangt, sondern aus Nemos Garten direkt aus dem Meer. Das mag auf den ersten Blick träumerisch oder gar unrealistisch wirken, diese beiden Projekte beweisen jedoch, dass das Meer viel mehr zu bieten hat als nur Fisch und dass sich die Fisch- und Seafoodbranche grundlegend am Verändern ist