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à point

Man ist, was man isst

1. Januar 2016

Lowcarb, vegan, vegetarisch, Millionen von Bildern unter Lebensmittel-Hashtags, Slogans wie «fit for fun», «think global, eat local» oder «iss dich glücklich». Unsere – westliche – Ernährung unterliegt einem Wandel und sie erhält in diesem eine ganz neue Definition. Das Barometer der Food-Trends zeigt uns, in welchem Verhältnis Gesellschaft und Nahrung zueinander stehen.

Westliche Esskultur – Problem oder Lösung?

Biologisch betrachtet bildet die Nahrung die Grundlage für unseren Stoffwechsel, unser Leben. Jedoch werden ihr mehr und mehr zusätzliche Eigenschaften zugesprochen: Die Ernährung beeinflusst unser Lebensgefühl, ja sogar den Lauf der ganze Welt! Zu den grössten Problemen der Welt zählen der Hunger und die Klimaerwärmung. Beide werden aufgrund unserer Esskultur negativ beeinflusst, dies ist unterdessen Allgemeinwissen. Doch sie bietet gleichzeitig auch die Lösung für diese zusammenhängenden Herausforderungen: denn längst wird die Nahrungszufuhr nicht nur zur Erreichung der Sommerfigur – und dies meistens nur anfangs Jahr – reguliert; spezifische Lebensstile werden als Lösungsansatz für globale Probleme wie beispielsweise der CO2 Bilanz unserer Gesellschaft oder dem Welthunger angewendet. Es soll nicht nur saisonal, sondern auch regional eingekauft werden, nicht nur Bio, sondern Demeter. Doch auch der Verzehr wird genau geplant: Unsere Esskultur beschäftigt sich damit, was wir wo, mit wem und zu welchem Zeitpunkt zu uns nehmen. Gesundes, energiespendendes Frühstück, gesunde Snacks, ausgewogener und zeitsparender Lunch im Büro, an die Tagesumstände angepasstes Nachtessen: mit Freunden kochen oder proteinreich nach dem Fitnesscenter. Begriffe wie «Fast-Good» oder Slogans wie «iss dich gesund und glücklich» bilden die aktuelle Wahrnehmung der kulinarischen Landschaft verständlich ab.

Gut und Gesund

Das Konsumieren und Geniessen der Lebensmittel wird zunehmend auf zwei Eckpfeiler aufgebaut: Gut und gesund soll unsere Ernährung sein. Gut ist dabei ein vielschichtiges Phänomen. Gut geschmacklich, gut aber auch im ethisch-moralischen oder gar spirituellen Sinne, denn auch das Gewissen muss beim Verzehr gut sein, die Herstellung der verwendeten Produkte soll die eigene Ökobilanz nicht verschlechtern. Gut bedingt auch Gesund. Dies ist um einiges einfacher. Der urbane Mensch mag es unkompliziert und modern, kombiniert mit möglichst gesundheitsfördernden Faktoren. Lokal, natürlich und saisonal.

Der Durchschnittseuropäer muss nicht mehr auf die mit E-Stoffen geladenen Convenience-Produkte der Grossverteiler zurückgreifen, denn auch diese bieten ein immer grösser werdendes Angebot an «Echtem», Lokalem und Natürlichem. Im Zentrum steht öfters das «gute Essen», welches in der Weiterführung zum «guten Leben» wird.

Nachhaltigkeit

Was nach vielen Regeln und damit einhergehenden Verboten klingt, ist aber eher als ein zukunftsweisender Trend zu sehen: Bewusst einzukaufen, natürliche und ursprüngliche Produkte zu verwenden sowie kein «Food-Waste» zu begehen sind keine aus der Luft gegriffenen, unrealisierbaren Grundsätze, vielmehr können diese so gut als möglich umgesetzt werden, ohne sich dabei gänzlich zu verkrümmen.

Fast-Good: Anders als das bekannte Fast-Food verbindet diese Variante die schnelle Verpflegung mit der gesunden. Es handelt sich um einen Trend, der auch in der Schweiz nach und nach erkennbar wird.

(Social-)media und Hypes

Das Teilen der eigenen Lebenssituation beinhaltet auch das zur Verfügung stellen der Lebensmittel. Gemäss einer Auswertung der Foto und Video Plattform Instagram, die von der NZZ am Sonntag erhoben wurde, leben die User – wenn sie tatsächlich konsumieren, was sie posten – nicht sehr gesund. Mit grossem Abstand holt die #chocolate die meisten Hits, gefolgt von #cake. Pizza, Burger und Pasta tummeln sich neben ein paar Hashtags mit Früchten und Salat. Dennoch ist es offensichtlich ein gewichtiges Bedürfnis, die Welt am eigenen Nachtessen teilhaben zu lassen. Das Essen wird durch posten der Fotos zum Stilmittel der Selbstdarstellung. Unter dem Hashtag healthyfood erscheinen auf Instagram mehr als 11 Millionen Bilder. Gesunde Ernährung ist ein Lifestyle und die Foto-App bildet die Grundlage für dessen weltweite Verbreitung, seinen Hype. Hypes sind dabei aber eher kurzfristige Aufbauschungen von kleineren Phänomenen. Solche können auch Lebensmittel sein (Bspw. Cupcakes, Frozen Yoghurt oder Smoothies).

Auch durch die mediale Verbreitung neuer Trends, beispielsweise der veganen Lebensweise, wird die Gesellschaft beeinflusst. Obwohl der Verzicht auf jegliche tierischen Produkte bereits seit 1944 in einem Konzept festgehalten ist, begann die rasante Verbreitung der veganen Lebensweise erst vor ein paar Jahren.

Diäten wie «Low-Carb» lassen die Kochbuchverkäufe in die Höhe schnellen, die perfekte Figur ist nach wie vor ein Antrieb für viele Menschen, die eigene Speisekarte zu ordnen.

Mässigung, nicht Verzicht

Die aktuellen Food-Trends können einen zu einer gewissen Schwarzmalerei verleiten. Jedoch hat die Münze immer zwei Seiten: Die Food-Trends wurzeln auf der einen Seite in unethischen Zuständen in verschiedenen Bereichen. Auf der anderen Seite zeigen uns eben gerade die Food- Trends, dass ein Bewusstsein vorhanden ist und an diesen Problemherden gearbeitet wird. Die Erkenntnis, dass sich der gegenwärtige Lauf globaler Entwicklung in keine gute Richtung bewegt, ist der erste Schritt zur Veränderung. Dabei ist die Mässigung vermutlich der beste Ratgeber, nicht der Verzicht. Nahrung in der uns bekannten Vielfalt und Qualität ist ein Privileg und einer der schönsten Genüsse des Lebens. Das Barometer der Food-Trends zeigt uns, dass wir nicht stehen bleiben, uns verbessern und weiterentwickeln wollen. Und dass der Genuss dabei keinesfalls auf der Strecke bleiben muss.